Keine Angst vor Mehrsprachigkeit - SPc Verlag Schulplaner

Keine Angst vor Mehrsprachigkeit

Keine Angst vor Mehrsprachigkeit

“Migrantenkinder sollten zu Hause deutsch mit ihren Eltern sprechen!”

Das ist ein Satz, den man häufiger mal hört. Wenn Kinder nicht konsequenterweise grundsätzlich nur die Umgebungssprache hörten und auch selbst sprächen, würden sie diese Sprache einfach gar nicht richtig lernen, oder nur ein furchtbares Kauderwelsch sprechen. Denn Zweisprachigkeit würde insbesondere ganz kleine Kinder einfach total überfordern, und sie seien dann nie in der Lage, auch nur eine der beiden Sprachen wirklich perfekt zu beherrschen.

Aber stimmt das?

Nein, sind sich Sprachforscher einig. Kinder sind von Geburt an in der Lage, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen und auch später perfekt zu unterscheiden. Und dadurch haben sie sogar einen Vorteil: Dadurch, dass sie von klein auf nicht nur mit verschiedenen Sprachen, sondern auch mit unterschiedlicher Mimik und Gestik konfrontiert sind, wird es ihnen auch später leichter fallen, weitere Sprachen zu erlernen – sie sind quasi geschult, stärker auf Unterschiede zwischen den Sprachen zu achten.

Insbesondere das oben genannte Statement ist nicht ungefährlich: Wenn Eltern versuchen, ihren Kindern eine Sprache beizubringen, die sie selbst nicht richtig beherrschen, sind sie wohl kaum passende sprachliche Vorbilder. Darüber hinaus hat man selbst das Bedürfnis, mit seinem Kind die Muttersprache zu sprechen, denn darin lassen sich die eigenen Gefühle immer noch am besten ausdrücken. Alles andere kann aufgesetzt oder unecht wirken, und das wiederum ist sicherlich nicht förderlich für den Umgang mit dem eigenen Kind. Man sollte allerdings darauf achten, dass der Kontext der jeweiligen Sprache immer der gleiche ist: Zum Beispiel sollte entweder beide Elternteile auf jeweils einer Sprache mit dem Kind sprechen, oder es sollten Sprachen für bestimmte Gelegenheiten festgelegt werden (zum Beispiel die Muttersprache mit den Eltern, Geschwistern und Großeltern, die Umgebungssprache im Kindergarten, mit Freunden und dem Au-Pair).

Bis zum zweiten Geburtstag sollte ein Kind einen Wortschatz haben, der etwa 50 Wörter umfasst, und gern wird behauptet, dass bilinguale Kinder das nicht schaffen. Dies beruht aber auf einer falschen Annahme: Der Wortschatz verteilt sich einfach nur auf zwei (oder noch mehr) Sprachen auf – ansonsten müsste sich das Kind in der gleichen Zeit ja auch doppelt so viele Wörter merken. Und auch, wenn das Kind in diesem Alter noch die Sprachen mixt, ist das nicht ungewöhnlich und auch nicht nachteilig: Wenn es das Wort auf einer Sprache nicht kennt, dann weicht es eben auf die andere aus. Sobald ein umfassender Wortschatz für beide Sprachen vorhanden ist, wird sich das ausgleichen und irgendwann von allein geben.

Noch mehr Vorteile

Eine Studie hat darüber hinaus ergeben, dass mehrsprachige Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit sprachliche Missverständnisse als solche erkennen als ihre einsprachigen Altersgenossen. Sie sind dadurch, dass sie sich häufiger in sprachlich schwierigen oder herausfordernden Situationen finden, stärker dafür sensibilisiert. Sie neigen dann eher dazu, diese Missverständnisse von sich aus aufzuklären, was wiederum ihre allgemeinen Kommunikationsfähigkeiten schult.

Woher kommen dann die Vorurteile?

Zum einen ging man früher davon aus, dass Kinder wirklich damit überfordert sind, zwei Sprachen gleichzeitig zu lernen, und diese Falschinformationen sitzen leider noch in vielen Köpfen. Zum anderen ist diese Annahme allerdings auch kulturell bedingt: Einige Sprachen sind halt prestigeträchtiger als andere. Wenn ein Kind ein japanisches und ein deutsches Elternteil hat, werden vermutlich die meisten Leute von den Sprachfähigkeiten des Kindes begeistert sein, und hervorheben, wie viel ihm dies im späteren Berufsleben bringen wird. Japanisch? Toll! Und dann auch noch so eine für europäische Sprecher dermaßen schwierige Sprache!

Anders sieht es aus, wenn es sich bei der Muttersprache um etwas “banales” wie türkisch handelt. Insbesondere, wenn türkische Eltern mit ihren Kindern auf der Straße auch Türkisch sprechen, werden sie komisch angeschaut, und müssen auch schon mal Kommentare über sich ergehen lassen, obwohl gar nicht klar ist, ob und wie gut die Beteiligten auch Deutsch beherrschen. Diese Vorurteile sind also rein kulturell bedingt. Die Vorteile, zweisprachig aufzuwachsen, sind allerdings die gleichen, egal ob ein Kind mit Deutsch und Japanisch oder Deutsch und Türkisch aufwächst.

“Aber ihr sprecht zu Hause schon noch deutsch, oder?”

…ist ein Satz, den ich als Deutsche, die mit einem deutschen Partner im Ausland lebt, durchaus schon mal gehört habe – und zwar interessanterweise von jemandem, der zuvor die Meinung geäußert hat, dass Deutsche mit Migrationshintergrund zu Hause definitiv Deutsch sprechen sollten. Ja, natürlich sprechen wir nicht nur zu Hause deutsch miteinander, sondern auch auf der Straße. Alles andere fänden wir albern, wie es vermutlich auch Deutsche mit Migrationshintergrund albern finden, auf der Straße plötzlich Deutsch miteinander zu sprechen. Ich wüsste auch nicht, warum sich die Oma im Kinderwagen hinter uns in unsere Diskussion um die Einkaufsliste einmischen sollte.

Und dieses unsägliche Kauderwelsch, das man manchmal hört?

Man kennt das ja – man geht durch die Straßen, und da sind zwei, die sich auf einer unbekannten Sprache unterhalten, und immer wieder versteht man einzelne Wörter oder Halbsätze. Gern wird das (fehl)interpretiert als Zeichen, dass die jeweiligen Sprecher beide Sprachen nicht richtig beherrschen. Das ist aber wohl in den seltensten Fällen so. Manchmal gibt es vielleicht keine Entsprechung für ein Wort (“Stadtverwaltungsamt”), der es fällt einem das Wort in der anderen Sprache einfach zuerst ein. Manchmal erzählt man in der einen Sprache Dinge, die aber sprachkontextlich in der anderen Sprache stattgefunden haben, und manchmal gibt es für die entsprechende Situation einfach kein Wort in der einen Sprache, also weicht man auf die andere aus: Meiner Erfahrung nach gibt es zum Beispiel für das englische “convenient” keine deutsche Entsprechung, die alle gewünschten Bedeutungsnuancen so schön in einem Wort vereint, weswegen es sich auch in meinen deutschen aktiven Wortschatz geschlichen hat (zumindest, wenn mein Gegenüber auch englisch versteht).

Sprachvermischung ist also häufig ein Ausdrucksmittel, und kein Zeichen von Inkompetenz. Solange man in der Lage ist, mit jemandem, der nur eine Sprache beherrscht, vernünftig zu kommunizieren, gibt es auch überhaupt gar kein Problem, wenn man beide Sprachen nutzt, um sich auszudrücken. Das ist vergleichbar mit Deutschsprachigen, die mit einem Dialekt aufwachsen, aber dennoch augenblicklich ins Hochdeutsche wechseln können, sobald es notwendig ist.

Wie geht man also mit Zweisprachigkeit um?

Für Eltern ist es also sehr lohnenswert, sein Kind zweisprachig zu erziehen, sofern man denn die Möglichkeit dazu hat. Ob diese zweite Sprache nun spanisch, türkisch oder japanisch ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Natürlich machen die Kinder erst einmal Fehler – das machen einsprachig aufwachsende Kinder aber genauso. Welche Sprache dann später die “starke” Sprache wird, hängt von vielen Faktoren ab, und das bedeutet auch nicht, dass es die “schwache” Sprache nur bruchstückhaft sprechen wird. Auf jeden Fall sind die Voraussetzungen für weitere Sprachen sehr gut, und in unserer heutigen Welt kann das nur ein Vorteil sein.